Hermann the real german?

Januar 19, 2010 at 11:28 pm (Uncategorized)

Am 18.01.2010 gab es in Hamburg eine Podiumsdiskussion in Hamburg mit Claude Lanzmann, Hermann L. Gremliza, und Klaus Theweleit.

Nun gibt es einige Berichte, die Theweleit, von dem sowieso nichts anderes zu erwarten war, aber auch Hermann Ludwig Gremliza in einem Lichte erscheinen lassen, von dem selbst Justus Wertmüller in seinen Polemiken, die teils billig teils richtig waren, nicht geträumt hätte. Ein erster Bericht über die Veranstaltung nämlich wurde von wadinet veröffentlicht. Dort berichtet Günther Jacob, dass Gremliza Lanzmann allen ernstens fragte, wo denn die Palästinenser in dem Film gewesen sein, woraufhin Lanzmann entgegnet haben soll, dass es sie erstens in dem Film vorkommen (aus meiner Erinnerung an den Film heraus weiß ich, dass israelische Araber und deren Diskriminierung vorkommen, ebenso wie der lustige russische Einwanderer, der dann in die USA geht) und er angesichts der Tatsache, dass alle Menschen über die Palästinenser reden, nicht seine Aufgabe sei, eine irgendwie geartete Ausgewogenheit anzustreben.

Der zweite unschöner Bericht von useless behauptet, dass Gremliza sogar fragte, wo denn die Hamas und die Gewalt in dem Film sei. Die Frage nach der Hamas, sofern sie kam, ist saudumm: Der Film von Lanzmann ist von 1973, die Hamas wurde 1987 gegründet. Hermann, prüf doch mal die Chronologie deiner Aussagen! Die Frage nach der Gewalt hätte Gremliza ebenso intelligenter stellen können: Wenn Lanzmann einen Film macht, der begründet, warum es Israel gibt, im Sinne eines – wie Hermann der Deutsche am gleichen Abend selbst treffend gesagt haben soll– „Darum Israel“, dann wird er zeigen wollen, welcher Ort Israel für Juden sein kann: Der Ort einer gewissen Autonomie, eines letzten Versuchs, doch noch etwas wie Vernunft in die Geschichte zu bringen.

Ein weiterer Bericht findet sich bei der Taz, geschriben von Doris Akrap. Da die Sendung beim FSK live gezeigt wurde, bleibt zu hoffen, dass der Mitschnitt verfügbar ist, um die Berichte zu prüfen. Sofern alles sich bewahrheitet, wovon ich ausgehe, erschließt Hermann Ludwig sich mir immer weniger: Er sagt, der Film müsste „Darum Israel“ heißen und stellt dann lauter bescheuerte Fragen.

9 Kommentare

  1. Paul Bedeking said,

    Hallo!

    es gibt natürlich eine gewisse Chance, dass die Akustik in dem Raum Gremlizas Wortsalat falsch rüber gebracht hat und ich mich deswegen verhört habe. (ich saß ziemlich am Rand an der Treppe, weil es sehr voll war).
    Daher hoffe ich auch, das ein Mitschnitt das ganze noch mal erhellen wird bzw. ich würde die Stelle dann in dem Abschnitt revidieren. Bin mir bis jetzt jedoch ziemlich sicher, dass er dies tatsächlich gefragt hat. Die allgemeine Verwunderung in dem Moment ist mir noch sehr gut in Ererinnerung. Einige der Gäste fingen sogar an zu Lachen (was ich als Auslachen interpretieren würde) als die Veranstaltung plötzlich vom Moderator beendet wurde.

  2. Paul Bedeking said,

    Einen Mitschnitt gibt es hier zum Download.

    http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=31686

  3. yourenlightenment said,

    Hallo Paul,

    danke für den Link. Dann werde ich mir das mal anhören, wobei ich nicht glaube, dass du das falsch verstanden hast, denn so etwas ist doch eine recht eindeutige Aussage. Wenn du es dir engehört hast, dann könnten wir das hier ja mal diskutieren, wenn hinsichtlich dessen noch Bedarf existent ist.

  4. yourenlightenment said,

    Wenn ich das richtig transkribiert habe, hat Hermann Ludwig das gesagt:

    „(…) Da ergibt sich ein kleines erstaunen in diesem Punkt. Als ich mir diesen Film angesehen habe, hab ich gedacht: Wo sind die Palästinenser? Wo ist die Hamas? Selbst die die damals noch nicht virulent war. Wo ist die PLO? Wo sind die Kader, die mit Sprengstoffanschlägen kämpfen? Wo ist das alles? Es kommt in diesem Film… es tritt seltsam in den Hintergrund. Ähm, äh, ich weiß nicht ob das anderen auch aufgefallen ist, aber mich würde interessieren wie Claude Lanzmann das sieht.“

    • g. jacob said,

      Das ist zwar richtig transkribiert, aber der Unterschied zwischen geschriebener und gesprochener Sprache geht beim einfachen Abtippen verloren. Wenn man (wie üblich bei der Transkription von Hörfunkreportagen) die „Atmo“ mitsamt Versprechern, BETONUNGEN, Pausen (…), Interaktion mit dem Publikum und andere Zwischentöne mit transkribiert, wird beim schriftlichen „…nachhören, was Gremliza tatsächlich gesagt hat“ („Warum Internet“/Konkret-Online, 19.1) das Gemeinte deutlicher:

      [Der Sprecher führt seine Grundsatzkritik als belanglose Randbemerkung ein]:

      Vielleicht darf ich eine kleine Anmerkung zu dem was Claude Lanzmann gesagt hat äh machen….

      [Der Sprecher entscheidet sich, seine Grundatzkritik an dem Film abgeschwächt als „kleines Erstaunen“ vorzutragen]:

      Er hat mehrfach die Aktualität des Films Pourquoi Israel betont und da ergibt sich ein kleines Erstaunen in einem Punkt: als ich mir diesen Film angesehen habe, habe ich gedacht:

      WO … … SIND … die Palästinenser? …

      [Der Sprecher bemerkt nun die Verwunderung über diese Frage beim Publikum – Zeichen des Unverständnisses bis hin zu einzelnen Lachern – und bessert nach, wählt aber, da er auf diese Situation nicht eingestellt ist, ein zeitlich falsches Beispiel, das aber dem entspricht, woran er beim Stichwort „Aktualität“ tatsächlich dachte]:

      Wo ist die Hamas – selbst [?],
      die damals natürlich nicht virulent war.

      [Der Sprecher bemerkt noch beim Sprechen den Fehlgriff in die Chronik – Lanzmanns Film entstand 1972 – und korrigiert sich erneut]:

      Wo ist die PLO, wo sind äh, wo sind die äh die Kader die äh mit Sprengstoffanschlägen äh kämpfen.

      [Die Rückverlegung seiner Frage nach dem „Fehlen“ „der“ Palästinenser in Lanzmanns Film auf die Jahre 1972/73 gelingt erneut nicht, denn mit „Sprengstoffanschlägen“ ist erneut die Hamas gemeint. Der Sprecher zieht nun 38 Jahre zu „alles“ zusammen]:

      Wo ist das alles?

      [Der Sprecher will nun sagen/kritisieren: „Alles kommt in dem Film nicht vor. Das finde ich seltsam.“ Er schwächt seinen Vorwurf aber mitten im Satz ab zu: „Alles tritt seltsam in den Hintergrund“. „Seltsam“ meint hier: verworren, nicht überzeugend, sehr fragwürdig, absolut widersprüchlich):

      Es [also „die Palästinenser“/„alles“] kommt in diesem Film seltsam… tritt seltsam in den Hintergrund ähm,

      (Der Sprecher versucht mit einer Hinwendung zum Publikum dessen Zustimmung zu erreichen, bevor er sich schließlich an Lanzmann wendet und seine Grundsatzkritik an dessen Film als eher auf allgemeine Weiterbildung zielende Neugier darstellt]:

      ich weiß nicht ob äh das anderen auch aufgefallen ist.

      Aber mich würde interessieren, ähm, wie Claude Lanzmann das sieht,

      [Anmerkung: nicht berücksichtigt, aber für die Bewertung mitentscheidend, sind hier das vor und nach dieser Passage Gesagte und – nicht zuletzt – das seit Anfang November 2009 Ungesagte: Konkret gehört zu den wenigen linken Blättern, die zu den antisemitischen Vorfällen keinen Artikel brachten (siehe die Rechtfertigung in Heft 1/2010, S. 6). Konkret feiert die „Anti-Gentrifizierungs-Aktivitäten des Alternativmilieus im Schanzenviertel (s. Gespräch mit Schamoni/Schäfer in Heft 8/2009) und distanziert sich (bis heute: s. Vorspann zu „Aus aktuellem Anlass: Ripplinger/Warum Israel“ auf Konkret-Online 22.1.) von der Demonstration gegen das B5-Milieu durch Unterstützung des „neutralen“ Maximierer-Aufrufes gegen „Filmzensur“].

  5. yourenlightenment said,

    Deine Anmerkung zur Transkribtion ist natürlich richtig. Doch die Betonung, die Atmosphäre etc. machen die Aussage nicht schlimm, sondern noch schlimmer.

    Zu deiner Anmerkung zu Konkret allgemein: Das Anti-Gentrification-Interview fand ich auch ganz widerlich. Ohne irgendeinen Gedanken an die regressiven Elemente dieser Yuppie- und Latte-Machiato-Hassenden Bewegung wird da ein Gespräch unter Linken geführt, denn bei allen Differenzen: Man gehört ja doch zusammen und kämpft für dieselbe Sache.

    Dass sie sich so billig aus der Affäre gezogen haben, was die B5-Schläger angeht wird ja noch dadurch verstärkt, dass Gremliza völlig bockig in seinem ersten Redebeitrage sagt, dass er eigentlich derlei Veranstaltungen nicht mag und durch seine Anwesenheit seine Pflicht schon getan habe. Es ginge ihm lediglich darum, einen Standpunkt klar zu machen. Und dann kommt der von dir hier so treffende transkribierte Absatz. Diesen Standpunkt wollte er also klar machen: Zeigt doch auch mal die Palästinenser. Und einer, der ein Sprachkritiker sein will, sagt dann auch nich, dass die Hamas nicht virulent war. Nein, Herr Gremliza, sie war nicht existent.

    Für Konkret reicht es anscheinend, jeden Monat einen (hervorragenden) Artikel von Alex Feuerherdt zu veröffentlichen oder mal einen sehr guten Artikel wie den von Stefan Frank. Dass die Gegendemonstration zu unterstützen gewesen wäre, um dem antisemitischen Wahn zumindest das (nahezu) Maximum entgegenzusetzen, den Schluß will man oder kann man nicht ziehen.

  6. Andreas Biel said,

    Lanzmann selbst hat ja die „Wo sind die Palästinenser?“- Frage Gremlizas als Forderung nach mehr „Ausgewogenheit“ verstanden und entsprechend geantwortet. Hinter Gremlizas Frage verbergen sich aber noch weitere Ungereimtheiten, denn die größte Gefahr für die Existenz Israels waren damals nicht „die Palästinenser“, sondern die Kriegsvorbereitungen der arabischen Staaten. Der Überfall des „Schwarzer September“ auf die israelische Olympiamannschaft im Sommer 1972 war Teil der allgemeinen Bedrohung Israels in dieser Zeit, aber er gefährdete nicht den Staat in seiner Existenz. Das deutsche Verhalten während dieses Überfalls und die von der BRD im selben Jahr betriebene Freilassung der Münchner Attentäter (sie wurden gegen 20 Insassen einer nach Libyen entführten Lufthansamaschine ausgetauscht) war ein Schock für die Israelis, der im Land die Diskussion prägte, als Claude Lanzmann seinen Film drehte. Doch Fatah und PLO waren damals nicht die größte Bedrohung für Israel. Viel gefährlicher waren 1972 die Vorbereitungen der arabischen Staaten zum Jom Kippur-Krieg im Oktober 1973. Zu diesem Krieg hatte Sadat seit 1970 immer wieder öffentlich aufgerufen. Während Lanzmann an „Pourquoi Israel“ arbeitete, begannen die konkreten Kriegsvorbereitungen. Israel war auf diesen Krieg bekanntlich nicht gut vorbereitet. Wenn Gremliza eine angemessene Frage hätte stellen wollen, hätte er fragen können, ob Lanzmann 1972 ahnte, dass die Filmpremiere drei Tage nach Beginn dieses Angriffskrieges stattfinden werde, der über 2500 israelischen Soldaten das Leben kostete. Möglicherweise liegt aber gerade darin, dass er nach „den Palästinensern“ fragt und nicht nach der viel größeren Bedrohung durch die arabischen Staaten eine weitere „Verdrängung“: Konkret war damals dem realsozialistischen Lager verpflichtet, das, wenn auch teilweise widerwillig (die SU wollte diesen Krieg zunächst verhindern, weshalb im Juli 1972 20.000 sowjetische Militärberater Ägypten verlassen mussten), am Ende sehr direkt an dem Krieg gegen Israel beteiligt war. Falls jemand die CD-ROM mit den alten Konkret-Texten hat, wäre es eine Recherche wert, zu sehen, was dort 1972 geschrieben wurde.

  7. yourenlightenment said,

    Die CD-Rom fängt erst 1974 an, als Gremliza Konkret übernahm.

  8. Ingo said,

    Also ich hab mich nun durch den Veranstaltungsmitschnitt durchgequält und würde einem Großteil der Kritik an der Veranstaltung zustimmen, vor allem der im wadiblog geposteten. Dennoch hab ich Gremlizas Frage anders verstanden. Da Lanzmann sagte, der Film sei komplett aktuell und habe keine Falten, habe ich Gremlizas Einwand eher dahingehend verstanden, dass es in Israel mit Aufkommen der Hamas und ihrem Terror heute dann doch eine andere Lebensrealität gibt. Zwar ist Israel seit seinem Bestehen bedroht, dennoch hat Gremliza in seiner Frage weniger nach dem „leidvollen Schicksal“ der Palästinenser gefragt, sondern nach der Bedrohung durch sie. Freilich äußerte sich Theweleit ganz anders hierzu und hat die Veranstaltung letztlich in eine komplette Katastrophe überführt.

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